Hermann Hesse und Hirnforschung
von Christian Messerli
Nach der langjährigen Beschäftigung mit Hesse und Jung habe ich mich jüngst
den Neurowissenschaften zugewandt, und hier insbesondere der Hirnforschung.
Diese hat ja gerade in der neuesten Zeit mit der Erfindung der bildgebenden Verfahren wie MRI und PET sowie der Ableitung von Aktionspotentialen aus einzelnen Nervenzellen im Tierversuch oder intra operationem auch beim Menschen ungeheure Fortschritte gemacht und ist fast zu einer Art Leitwissenschaft geworden. Es gibt zwei Richtungen: Die einen, unter ihnen auch viele Philosophen und Geisteswissenschafter, sind Dualisten, für welche Gehirn und Bewusstsein, Geist und Körper, zwei getrennte Dinge sind. Auf der andern Seite stehen die Deterministen oder etwas unglücklich auch Monisten genannt, für die „das Gehirn die Seele macht.“ Herausragende Persönlichkeiten unter diesen sind da etwa Gerhard Roth und Wolf Singer. Letzterer hat ein kleines Büchlein in Gesprächsform herausgegeben mit dem Titel „Ein neues
Menschenbild?“ Es wird von beiden Forschern postuliert, dass der freie Wille
eine Illusion und „das Ich nicht Herr im eigenen Hause sei“ und dass das u.a.
Folgen für die Gerichtspraxis und die Kindererziehung habe, wobei Singer
allerdings festhält, dass sich daran trotz den neuen Erkenntnissen gar nichts
Grundlegendes ändern würde. Verbrechen würden weiterhin geahndet, Kinder so gut als möglich auf den rechten Weg geführt. Jung dachte seinerzeit in die gleiche Richtung, als er festhielt, dass die Moral wahrscheinlich eine angeborene Gabe sei wie die Intelligenz. Nur dass man damals noch nichts wusste von der frühkindlichen Prägungsphase mit der Möglichkeit von ständig neuen Vernetzungen und Verschaltungen der Nervenzellen im Gehirn. Roth begründet seine Ueberzeugung vom Ende des freien Willens mit den Experimenten des Amerikaners Benjamin Libet,
der mit Studenten zeigte, dass der bewusste Entschluss zum Beispiel zum Heben eines Fingers dem Bereitschaftspotential im limbischen System, bzw. im Unbewussten,
hinterherhinkt. Daran wurde viel Kritik geübt, insbesondere, da den meisten
Entschlüssen ein ganzer Prozess von Hin und Her vorausgeht, ehe definitiv
entschieden wird. Ich würde folgern: Es gibt auf der einen Seite „Bauchentscheide“, wo man sich ohne lange zu überlegen sofort zu etwas entschliesst oder etwas auswählt, und das geht dann mehr oder weniger unbewusst, während auf der andern Seite es Gewissensentscheide gibt, wo ein innerer Kampf stattfindet, wo man sich zu etwas durchringen muss. Hier befinden sich dann Bewusstes und Unbewusstes in hochdifferenzierter, ja oft mühsamer gegenseitiger Aktion, und alle Hirnareale sind aktiv. Oft ist erstaunlicherweise der spontane Entschluss besser als langes Herumstudieren.
Singer stützt seinen Beitrag zum freien Willen mehr auf Tatsachen der Phylo- und
Ontogenese, indem nämlich die enorm vergrösserte Hirnrinde und damit das
Bewusstsein eindeutig evolutionär entstanden seien und dieses nicht an einem bestimmten Punkt des Lebens einfach vom Himmel fällt. Bei einer solchermassen konsequenten Anwendung der Evolutionstheorie wäre dann auch zu folgern dass das Metaphysische mit jedem neuen Erkenntnisstufe weiter hinausgeschoben werden müsste, etwa auf die Frage „Was war vor dem Urknall?“ oder das Heidegger‘sche „Warum ist überhaupt etwas und nicht vielmehr nichts?“ Singer betont trotz allem, er sei kein Atheist.
Viele Phänomene kann man heute erklären, die in früheren Zeiten rätselhaft oder
dämonisch waren. Ja, es gäbe noch viel Interessantes, und das Gebiet ist sehr spannend. Steht das platonisch-christliche Menschenbild heute am Endpunkt
seiner Entwicklung? fragt Thomas Metzinger in der NZZ. Es wäre ja dann auch so, dass es keine Auferstehung und kein Jenseits gibt. Jung und Hesse glaubten beide an ein Leben nach dem Tode, ersterer beschrieb es viel konkreter. Und so einfach, wie vor allem Roth glaubt, ist die Sache mit dem freien Willen eben doch nicht. Es gibt schwierigere Entscheide als einen Finger zu heben, wie etwa die Berufs- und Partnerwahl oder auch dort, wo die Jung‘sche Pflichtenkollision bei einem Gewissensentscheid ins Spiel kommt. Da müssen Bewusstes und Unbewusstes eng zusammenarbeiten, muss der Kopf das Herz befragen und umgekehrt. Warum eigentlich werden da keine weiteren Experimente gemacht?
In der ganzen Angelegenheit muss man aufpassen, dass man nicht das Kind mit dem Bade ausschüttet und in Libertinismus oder Fatalismus verfällt, auch nicht in eine nostalgisch-romantisierende Haltung gegenüber dem Ideal vergangener Epochen. Der Niedergang des Humanismus begann zwar schon mit der Abschaffung des Lateins für das Medizinstudium, aber die ganze kulturelle Evolution vom Altertum über das Mittelalter bis in die Neuzeit ist nicht einfach hinfällig. Und die grossen moralischen Genies wie Christus, Sokrates, Buddha und Lao Tse geben immer noch die gültigsten Antworten bezüglich Ethik ebenso wie auf die letzten Fragen. Religiöse Inhalte sind viel mehr mit der Sprache der Dichter verwandt als mit der naturwissenschaftlichen Denkweise. Die Relativitätstheorie wäre früher oder später von einem anderen gefunden worden, wenn es Einstein nicht gegeben hätte, aber die Symphonien von Beethoven sind nur durch ihn denkbar.
Ich hatte einen Traum: Wir wanderten mit einer Gruppe von Westen her eine
Bergstrasse hinauf. Sie war enorm steil und mit unregelmässigem Geröll oder
Schotter bedeckt, breit genug für ein Auto. Ich schlug einen flotten Schritt an
und wunderte mich selber darüber, wie gut ich mochte. Das war sonst nicht der
Fall. Ich war allen andern voraus. Aber da kam auch wirklich schon so ein
Spinner mit einem Auto uns entgegen den Weg herunter. Wie der wohl
überhaupt hoch gekommen war? Er schlitterte mehr hinunter als dass er fuhr,
schliesslich kreuzte er unsere Wandergruppe. Er hinterliess links und rechts eine
tiefe Fahrrinne in dem weichen grauen Schotter. Weiter oben kamen wir in einen
Wald. Von da aus sah man hoch oben gegen Osten, schon fast in schwindelnder
Höhe auf einem besonnten nach beiden Seiten abschüssigen Grat eine
SAC-Hütte und, etwas weniger deutlich, westlich daneben auf einem zweiten
Berggrat, der fast ebenso steil hochragte, eine zweite Hütte, etwa gleich kühn
hinaufgebaut. Der Gruppenleiter oder Bergführer teilte uns Zettel aus, auf denen
wir schreiben sollten, zu welcher der beiden Hütten wir hinauf und auf der
andern Seite wieder hinunterwandern wollten. Von der östlichen ginge es
hinunter nach Tschechien, von der westlichen nach Dänemark. Ich wusste nicht,
wie ich mich entscheiden sollte, zögerte und schrieb schliesslich beides auf. Die
Zettel wurden wieder eingesammelt, und es zeigte sich, dass mein Vater für die
östliche Variante gestimmt hatte. Er erklärte das noch, nämlich dass man dann
drüben vom Flachland aus zu Fuss über mehrere Pässe zurück in die Schweiz
und damit nachhause gelangen konnte. Frau X hingegen hatte die Dänische
Möglichkeit vorgezogen. Der Tourenleiter war mit meiner „Lösung“ nicht so
recht zufrieden. Schliesslich begaben wir uns denselben Weg wieder hinunter,
welchen wir heraufgekommen waren. Ich kam mit einer andern Teilnehmerin ins
Gespräch, und es zeigte sich, dass wir beide ein Gebiet in der Schweiz, in der
Heimat, kannten, wo es nicht gebirgig, sondern recht eigentlich romantisch war,
in einem lichten Wäldchen mit Moos und Blumen, auch eine Wiese war da mit
einem gurgelnden Bächlein, alles schön und lieblich. Wir schwärmten beide von
dem Ort.
Die beiden Hütten symbolisieren meine momentane Situation zwischen
Naturwissenschaft und Religion. Mein Vater wählte die Freiwirtschaftslehre als
wahre Antithese zum Marxismus-Leninismus, wie er in der Tschechoslowakei
vor der Wende vertreten wurde mit Atheismus, Materialismus, Reduktionismus.
Er scheut nicht vor grossen Anstrengungen zurück, um wieder heimzugelangen.
Er war übrigens zeitlebens ein begeisterter Alpinist. Frau X, eine ehemalige treue
Patientin, die trotz ihres schweren Asthmas immer wieder Bergtouren machte
und mich einmal fragte, als ich noch dick war, ob ich es wohl mit ihr aufnehmen
würde, sie verkörpert das mütterliche Element, wie meine Frau. Der Weg über
Dänemark führt vielleicht auch nach Schweden, ins Mutterland. Meine Frau ist
ja Schwedin. Wie aber beides zusammen erleben? Die Frage macht auch vielen
illustreren Geistern als mir Schwierigkeiten. Nach längerer Zeit der Unsicherheit
las ich im Internet die Ideen einer Studentin: „Religion und Wissenschaft sind
beide Flügel, auf denen sich die menschliche Geisteskraft zur Höhe erheben und
mit denen die menschliche Seele Fortschritte machen kann. Mit einem Flügel
allein kann man unmöglich fliegen: Wenn jemand versuchen wollte, nur mit dem
Flügel der Religion zu fliegen, so würde er rasch in dem Sumpf des
Aberglaubens landen, während er andererseits nur mit dem Flügel der
Wissenschaft auch keinen Fortschritt machen, sondern in den hoffnungslosen
Morast des Materialismus fallen würde.“
Aha ja, das ist es doch, jetzt habe ich die Lösung, wie der Widerspruch zu
überwinden wäre: Durch den Akt des Fliegens könnte man auf beide Gegenden, auf den Westen wie den Osten gleichzeitig herabschauen, könnte man sich in beiden gleichzeitig bewegen, sozusagen zwischen Himmel und Erde, könnte man sich in die Lüfte schwingen und über Zentraleuropa nach Hause steuern. Dabei ist es
aber klar, dass der Mensch nie aus eigener Kraft fliegen konnte wie z.B. der
Vogel, er musste dazu die Technik zuhilfe nehmen, und recht oft ist er auch
abgestürzt. Ist es hier wie bei Gehirn und Bewusstsein? Aber die Technik ist
nicht alles, da ist noch etwas Subjektives, das unbeschreibliche Glücksgefühl in der Luft, das sicher einen immateriellen Charakter hat. Und in Gedanken kann man sogar
unendlich weit fliegen. Ich bin im Traum schon mehrere Male geflogen, meist
mit einer Art Flugzeug, und es war stets sehr schön, ein Gefühl der Freiheit,
Erhabenheit und der unendlichen Leichtigkeit. Mit einem Helikopter etwa
könnte man es schaffen, die beiden SAC-Hütten zu überfliegen und bei ihnen zu
landen oder gar mit einem Jet könnte man das Kunststück bewerkstelligen, über beide Länder zu brausen.
Wenn ich mich mit den oben dargetanen Erörterungen über die Hirnforschung
beschäftige, kommt mir schliesslich das „Glasperlenspiel“ von Hermann Hesse
in den Sinn, und hier besonders jener grosse Satz, der mich schon als
Gymnasiasten gewaltig angerührt hat und mir bis heute die „condition
humaine“ in unglaublich kompakter Weise zusammenzufassen scheint. Es zeigt
sich hier, dass die Naturwissenschaft eine Bestätigung uralter indischer Weisheit
liefert. Das ist phantastisch. Man hat es offenbar schon immer gewusst. Ich
kann den Satz auswendig:
„Und wie stand es dann mit den Tugenden, mit der Heiterkeit, dem Takthalten,
der Tapferkeit? Sie wurden klein, aber sie blieben bestehen. Wenn es schon kein
Gehen, sondern nur ein Geführtwerden, wenn es schon kein eigenmächtiges
Transzendieren gab, sondern nur ein Sichdrehen des Raumes um den in seiner
Mitte Stehenden, so bestanden die Tugenden dennoch und behielten ihren Wert
und ihren Zauber, sie bestanden im Jasagen, statt Verneinen, im Gehorchen, statt
Ausweichen, und vielleicht ein wenig auch darin, dass man so handelte und
dachte, als sei man Herr und aktiv, dass man das Leben und die Selbsttäuschung,
diese Spiegelung mit dem Anschein von Selbstbestimmung und Verantwortung,
ungeprüft hinnahm, dass man aus unbekannten Ursachen eben doch im Grunde
mehr zum Tun als zum Erkennen, mehr triebhaft als geistig beschaffen war. Oh,
hierüber ein Gespräch mit Pater Jakobus haben zu können!“
Man könnte sich also denken, dass solch ein Spiel auch Elemente der
Naturwissenschaften einbeziehen könnte, und Hesse schreibt ja auch in der
Einleitung zur Geschichte des Glasperlenspiels, nachdem er dessen Entstehung
u.a. auch auf die Mathematiker-Akademien des siebzehnten und achtzehnten
Jahrhunderts angesprochen hat: „Jeder Bewegung des Geistes gegen das ideale
Ziel einer Universitas Litterarum hin, jeder platonischen Akademie, jeder
Geselligkeit einer geistigen Elite, jedem Annäherungsversuch zwischen den
exakten und freieren Wissenschaften, jedem Versöhnungsversuch zwischen
Wissenschaft und Kunst oder Wissenschaft und Religion lag dieselbe ewige
Idee zugrunde, welche für uns im Glasperlenspiel Gestalt gewonnen hat.“ usw..
Man könnte sich also denken, dass, wenn man versucht, die Idee des
Glasperlenspiels in die Wirklichkeit umzusetzen, wie das auch schon gemacht
worden ist, oder auch nur den Faden von Hermann Hesse in der Phantasie
weiterzuspinnen, man dann vermehrt auch Elemente der exakten Wissenschaften
mit in ein solches Spiel einbezieht, und damit wäre Hermann Hesse wieder
einmal der grösste und umfassendste unter meinen sogenannten „Propheten.“
Hesse hat zwar wenig von Naturwissenschaft verstanden , er war eher ein Traditionalist, ein Anwalt aller Geistigen, und doch der Technik gegenüber offensichtlich weniger skeptisch, als es manchmal den Anschein hat, und so kommt im „Magischen Theater“ des Steppenwolfs nicht nur die Szene mit dem Abschiessen von Automobilen, sondern auch Mozart mit dem Radio vor.
Träume sind keine Schäume, sondern sie haben eine grosse Symbolkraft und
können eine Lebenslage erstaunlich eindrücklich verdeutlichen, sodass man
auch, meistens wiederum durch eine Eingebung, einen neuen Weg findet. Ich
habe die Tendenz, zu vieles mit dem Verstand machen zu wollen, was ja eine
allgemeine Krankheit unserer Zeit ist. Ich muss demütig werden und muss
einsehen, dass wir nicht alles willentlich managen können, dass das Ich in einem
Ozean des Unbewussten schwimmt. Es braucht gar nicht um Gott und die
Ewigkeit zu gehen, nein, es sind auch ganz praktische Dinge, wo der Respekt vor
dem und zugleich das Vertrauen zum Unbewussten gefragt sind. Wenn man es
verdrängen will, in eine Ecke schieben, so wird es rebellisch und unberechenbar.
Das richtige Mass findet man nur in der Mitte, m i t dem Unbewussten
zusammen, dann kann man an einem Strick ziehen, sonst kommt es zu einer
unheilvollen Polarisierung. Geschehen lassen muss man die Dinge.
Bewusstseinsmässig soll man so bescheiden werden wie Sokrates, der sagte: Ich
weiss, dass ich nichts weiss.